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Alstom Grid GmbH Mönchengladbach

Herr Dr. Schwarz ist Unit Managing Director der Alstom Grid GmbH in Mönchengladbach. Die Einstellung von Menschen mit Behinderung hat bei der Alstom GmbH eine lange Tradition. Dafür wird ihr im Dezember 2013 zum zweiten Mal ein Preis verliehen.

Das Interview führte Andrea Kurtenacker im November 2013 am Standort Mönchengladbach.

 

talentplus: Alstom ist Marktführer im Bereich elektrische Energieübertragung. Können Sie kurz schildern, was Alstom produziert und welche Dienstleistungen das Unternehmen anbietet?

Schwarz: Im Bereich elektrischer Energieübertragung liefern wir  Systeme und Ausrüstungen, die benötigt werden, um Energie zu übertragen - vom Anschluss eines Kraftwerkes bis hin zum Endverbraucher. Kraftwerke, die wir an das Netz anschließen, können Kohle- oder Gaskraftwerke sein. Es kann aber auch ein Windpark oder ein Solarkraftwerk sein. Die Verbraucher, zu denen wir die Energie transportieren, sind große Industrieunternehmen, Stadtwerke oder Infrastrukturkunden, wie beispielsweise die Deutsche Bahn.
 
talentplus: Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie in Mönchengladbach?
 
Schwarz: In Mönchengladbach selbst sind wir 390 Mitarbeiter, in Deutschland insgesamt 8.700, und weltweit beschäftigt Alstom 93.000 Mitarbeiter in mehr als 100 Ländern.
 
talentplus: Sie beschäftigen auch Menschen mit Behinderung. Wissen Sie, wie viele derzeit am Standort Mönchengladbach tätig sind?
 
Schwarz: Wir haben derzeitig 21 schwerbehinderte und  gleichgestellte Mitarbeiter. Das ist etwas mehr als 5 % unserer gesamten Belegschaft.
 
talentplus: Sind die Kollegen auch in der Produktion tätig?
 
Schwarz: Ja, aber natürlich auch in allen anderen Bereichen. Wir haben bewusst keine Konzentration auf eine bestimmte Abteilung vorgenommen, sondern wir versuchen, die Mitarbeiter in alle Bereiche des Unternehmens zu integrieren: also sowohl in der Fabrik als auch im Engineering und im kaufmännischen Bereich.
 
talentplus: Können Sie bitte kurz einen klassischen Produktionsarbeitsplatz beschreiben?
 
Schwarz: Wir haben flexible Arbeitsplätze, die jeweils an die Erfordernisse der Produktion angepasst und umgestaltet werden. Der Mitarbeiter und sein Arbeitsplatz wandert mit dem Produktionsfortschritt mit. Unsere behinderten Mitarbeiter arbeiten ebenfalls an diesen Plätzen. Wir machen keinen Unterschied. Das machen wir schon seit Jahren so.
 
talentplus: Sie stellen also die Leistungen und die Fähigkeiten der behinderten Mitarbeiter in den Vordergrund. Die Behinderung ist eher nebensächlich?
 
Schwarz: So ist es. Wir haben unsere Mitarbeiter so ausgewählt, dass sie den fachlichen Erfordernissen entsprechen, die der Arbeitsplatz verlangt. Aber wir setzen auch, wo nötig, besondere technische Maßnahmen um und machen es den behinderten Mitarbeitern somit möglich, an den Arbeitsplätzen in der Produktion tätig zu sein. Das können Maßnahmen sein, die die Ergonomie des Arbeitsplatzes beziehungsweise die Installation spezieller Sicherheitseinrichtungen verbessern. Wenn wir zum Beispiel gehörlose Mitarbeiter beschäftigen, muss man den optischen Signalsystemen mehr Aufmerksamkeit widmen.
 
talentplus: Auch dafür wird im Dezember dieses Jahres der Alstom-Standort  in Mönchengladbach vom Landschaftsverband Rheinland mit einem Preis geehrt. Für welches Engagement haben Sie den Preis genau bekommen?
 
Schwarz: Wir erhalten diesen Preis für unser langjähriges Engagement bei der Integration und Förderung von Menschen mit Behinderung. Wir tun das nicht erst seit drei oder vier Jahren, sondern das ist eine Tradition, die wir schon seit ca. 30 Jahren im Unternehmen verfolgen. Wir wurden schon einmal dafür ausgezeichnet, und dies ist unsere zweite Auszeichnung.
Die Integration der behinderten Mitarbeiter ist uns ein wichtiges Ziel. Aktuell haben wir beispielsweise begonnen, einen schwerbehinderten Schüler im Rahmen eines Praktikums zu beschäftigen. Das ist für uns neu. Wir führen ihn an den Produktionsprozess mit dem Ziel heran, ihn 2014 in ein Ausbildungsverhältnis zu übernehmen.
 
talentplus: Wie kam es zu dem Praktikum?
 
Schwarz: Wir machen in jedem Jahr eine Weihnachtstombola, und im letzten Jahr haben wir einen Teil des Erlöses an eine Förderschule in Linnich gegeben. Dann gab es Anfang des Jahres einen Gegenbesuch der Förderschule. Die Schüler waren so begeistert von dem, was wir hier machen, dass dann die Idee gemeinsam geboren wurde, doch mal zu versuchen, einem Schüler hier die Möglichkeit für ein Praktikummit dem Ziel einer anschließenden Berufsausbildung zu geben. Und genau das wird gerade umgesetzt. Wir hoffen, dass wir in 2014 die Ausbildung in einem metallverarbeitenden Beruf starten können.
 
 
Alstom-Gruppenfoto
talentplus: Ist das eine ganz reguläre IHK-Ausbildung?
 
Schwarz: Ja, es ist eine reguläre Ausbildung. Der Arbeitsplatz selbst wird ergonomisch an die Bedürfnisse des Auszubildenden angepasst. Das ist selbstverständlich.

talentplus: Sie hatten eben schon erwähnt, dass am Standort Mönchengladbach Menschen mit einer Hörbehinderung arbeiten. Können Sie kurz sagen, wie es dazu kam und um wie viele Mitarbeiter es sich dabei handelt?
 
Schwarz: Es geht dabei um sieben Mitarbeiter. Dazu muss man sagen, dass sie ihre Hörbehinderung nicht durch ihre berufliche Tätigkeit erworben haben, sondern sie entweder von Geburt an hatten oder krankheitsbedingt erworben haben. Wir bieten ihnen schon über viele Jahre hinweg einen sicheren Arbeitsplatz.
 
talentplus: Gab es persönliche Kontakte? Es ist ja sehr ungewöhnlich, dass in einem Unternehmen sieben Hörbehinderte arbeiten.
 
Schwarz: Es ist ganz sicher so, dass sich das herumspricht. Sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite wird über gute Erfahrungen berichtet, und so wird es ein Selbstläufer. Wir haben aber auch gute Voraussetzungen geschaffen, und das wollen wir auch beibehalten.
 
talentplus: Dazu gehört auch, dass Ihre Führungskräfte die Gebärdensprache erlernen. Welche Erfahrungen machen denn die Kollegen damit?
 
Schwarz: Es ist wichtig, dass eine Verständigung mit den direkten Vorgesetzten und der direkten Umgebung eines gehörlosen Mitarbeiters stattfinden kann. Das ist notwendig, um Arbeitsanweisungen zu erteilen oder auch um Fragen, die sich aus dem Arbeitsprozess ergeben, zu klären. Deshalb haben wir einen Grundkurs in der Gebärdensprache für die direkten Führungskräfte dieser Mitarbeiter angeboten. Das funktioniert auch gut. Bei der Ansprache eines Gehörlosen gelten zum Beispiel andere Regeln. So spricht man einen gehörlosen Mitarbeiter nicht durch Antippen von hinten an, sondern man sollte von vorne an den Kollegen herantreten, damit es ihm möglich ist, vom Mund abzulesen oder die Gebärdensprache wahrnehmen zu können.
 
talentplus: Können Sie auch die Gebärdensprache?
 
Schwarz: Nein, ich gehöre nicht dazu.
 
talentplus: Haben Sie für die Integration der behinderten Kollegen externe Hilfe in Anspruch genommen? Vom Integrationsamt beispielsweise?
 
Schwarz: Ja, das Integrationsamt und auch die Agentur für Arbeit sind unsere ständigen Ansprechpartner wenn es darum geht, neue Mitarbeiter zu finden oder andere Fragestellungen zu klären. Wir nutzen natürlich auch die Hilfestellung des Landschaftsverbandes, wenn es darum geht, professionelle Gebärdensprachdolmetscher zu engagieren. Für unsere Betriebsversammlungen oder bei wichtigen Unterweisungen zu neuen Arbeitsprozessen oder auch für Belehrungen engagieren wir immer Gebärdensprachdolmetscher. Das ist eine wichtige Hilfe.
 
talentplus: Entstehen dadurch für Sie Kosten?
 
Schwarz: Nein, die Kosten für die Gebärdensprachdolmetscher werden vom Landschaftsverband getragen.
 
talentplus: Gibt es auch Schwierigkeiten?
 
Schwarz: Ich muss sagen, wir haben nie über Schwierigkeiten diskutieren müssen. Es ist so, dass unsere Schwerbehinderten, insbesondere unsere gehörlosen Mitarbeiter, eine sehr vorbildliche Arbeitseinstellung haben. Das macht sich auf vielen Ebenen bemerkbar. Da ist einmal der Krankenstand, der niedriger ist als im Unternehmensdurchschnitt. Die Arbeitsleistung selbst ist sehr gut und auch die Motivation ist riesengroß. Ich denke, es herrscht große Zufriedenheit darüber, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, der ihnen auch neue Möglichkeiten im sonstigen Leben eröffnet.
 
talentplus: Ist der prognostizierte Fachkräftemangel, gerade in den MINT-Berufen auch in Ihrem Unternehmen ein Thema?
 
Schwarz: Ganz klar. Es wird immer aufwändiger, die geeigneten Fachkräfte zu bekommen, und auf diese sind wir angewiesen. Perspektivisch wollen wir auch gezielt junge Menschen mit Behinderung ausbilden.
 
talentplus: Haben Sie standardisierte Instrumente innerhalb des Hauses, wie beispielsweise das betriebliche Eingliederungsmanagement, Integrationsvereinbarungen oder Schulungskonzepte?
 
Schwarz: Natürlich gibt es das betriebliche Eingliederungsmanagement, und wir haben auch Betriebsvereinbarungen zur Integration von behinderten Mitarbeitern abgeschlossen. Unser Standort, aber auch der Konzern insgesamt, hat mit den Gewerkschaften eine entsprechende Übereinkunft zur Einstellung, Integration und Förderung schwerbehinderter Mitarbeiter unterzeichnet, die entsprechend umgesetzt wird.
Spätestens alle drei Jahre findet ein Meeting der gehörlosen Mitarbeiter und ihren direkten, nicht behinderten Kollegen in ungezwungener Atmosphäre statt. Es geht dabei darum, Erfahrungen auszutauschen und Pläne zu entwickeln, um letztlich das Integrationsmanagement weiter zu verbessern und zu festigen. Auch dieses Meeting ist ein wichtiges Instrument.  
Zu den standardisierten Instrumenten gehört es aber auch, externe Hilfen zu kennen und sie in Anspruch zu nehmen, wie beispielsweise die Nutzung der Angebote des Landschaftsverbandes, Stichwort Gebärdendolmetscher.
 
talentplus: Können Sie auch positive Synergieeffekte feststellen, die sich im Unternehmen insgesamt bemerkbar machen?
 
Schwarz: Für alle Mitarbeiter ist ersichtlich, dass wir unsere Mitarbeiter mit Behinderung genauso behandeln wie alle anderen auch. Wir machen keinen Unterschied. Das wirkt sich sehr positiv auf das Betriebsklima aus und hat damit auch direkten Einfluss auf die Produktivität. Wir haben wirklich gute Erfahrungen gemacht und werden deshalb diesen Weg weiter beschreiten.
 
talentplus: Würden Sie aus heutiger Sicht etwas anders machen?
 
Schwarz: Ich würde nichts anders machen. Es ist wichtig, diesen Weg immer weiter zu entwickeln. Es ist auch deshalb ein wichtiges Thema, weil es auch den demografischen Wandel mit erfasst. Wir können einfach nicht auf das Können und die Fähigkeiten der schwerbehinderten Mitarbeiter verzichten. Das wäre ein Fehler, der sich langfristig rächen würde. Insofern ist das sehr weitsichtig gewesen, hier am Standort Integrationsprogramme zu starten, die sich erfreulicherweise auch stabil gehalten haben. Wir werden diesen Weg unbedingt weiter gehen.
 
talentplus: Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die vielleicht noch nie etwas damit zu tun hatten?
 
Schwarz: Man muss Mut haben. Unternehmen sollten sich trauen, entsprechende Entscheidungen zu treffen. Der Umgang mit schwerbehinderten Mitarbeitern mag etwas anders sein, insbesondere wenn es um gehörlose Mitarbeiter geht. Mag sein, dass es da im ersten Moment Ressentiments gibt, aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass dies unbegründet ist. Ganz im Gegenteil, die Zusammenarbeit baut sehr viel Vertrauen auf, das sich zum Schluss sowohl im Betriebsklima als auch in den Arbeitsergebnissen sehr positiv auszahlt.
 
talentplus: Gibt es etwas, was Sie sich selbst wünschen?
 
Schwarz: Ich würde mir wünschen, dass mehr Unternehmen diesen Weg gehen. Wir haben für uns entschieden, dass wir den Weg beibehalten und ausbauen werden.
 
talentplus: Herr Dr. Schwarz, vielen Dank für das Gespräch.

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