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Das Portal zu Arbeitsleben und Behinderung

Infobrief REHADAT-talentplus
Köln, Juli 2010

Inhalt:

Der Einsatz technischer Hilfsmittel am Arbeitsplatz

Tipp:

Einen strukturierten Überblick über Beispiele zu Arbeitsplatzgestaltungen finden Sie bei REHADAT in der Datenbank Praxisbeispiele.

Einen Überblick über Online-Broschüren zu Beispielen aus der Praxis in unterschiedlichen Branchen finden Sie bei talentplus unter: Beispiele aus der Praxis

In der REHADAT Datenbank Hilfsmittel finden Sie fast alle Hilfsmittel, die in Deutschland erhältlich sind.

Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt kommt Ihr Mitarbeiter Herr Müller an seinen Arbeitsplatz zurück. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Herr Müller kann den Arbeitsplatz nicht mehr erreichen sowie bestimmte Arbeitsaufgaben und –abläufe nicht mehr ausführen, da eine Bedienung der Geräte nicht mehr uneingeschränkt möglich ist, Regale zu hoch sind oder eine notwendige Rampe für den Rollstuhl am Gebäude fehlt.

Ist dadurch der Arbeitsplatz von Herrn Müller gefährdet? Was kann getan werden, damit er an seinen Arbeitsplatz zurückkehren kann? Wer kennt sich aus? Wer trägt die Kosten für die dringend notwendige Beratung und die ggf. entstehenden Investitionskosten für Hebewerkzeuge und Umbauten?


Die blinde Schülerin Frau Schmitt bewirbt sich um einen Ausbildungsplatz zur Bürokauffrau. Die Bewerbungsmappe ist vielversprechend, die Schulzeugnisse sind gut. Eine blinde Auszubildende im Büroalltag, wie soll das gehen?

Dies sind nur kleine Beispiele für scheinbar unüberwindbare Hindernisse. Tatsächlich kann die Gestaltung und Umgestaltung eines Arbeitsplatzes für einen schwerbehinderten Mitarbeiter oder Auszubildenden durch Hilfsmittel häufig so optimiert werden, dass vorhandene Einschränkungen kompensiert werden. Blinde Mitarbeiter nutzen beispielsweise anstelle des Bildschirms sogenannte Braillezeilen, mit denen die optische Bildschirmausgabe des Computers taktil über die Finger erfasst bzw. gelesen werden kann. Mit Hilfe von Scannern wird Gedrucktes eingelesen und digitalisiert.


Die Kosten für die Gestaltung oder Umgestaltung des Arbeitsplatzes und der Arbeitsumgebung müssen Arbeitgeber nicht alleine tragen. Im Gegenteil: häufig ist die komplette Übernahme der Kosten durch Rehabilitationsträger möglich. Hierbei entstehen nicht selten Synergieeffekte. So kann zum Beispiel ein vom Rehabilitationsträger geförderter Kran oder Hubwagen auch als Hilfsmittel von anderen Kollegen für das Heben und Transportieren von Lasten genutzt werden. Auch die barrierefreie Gestaltung der Arbeitsumgebung wie beispielsweise der Zugangswege oder auch die Einrichtung von Behindertentoiletten gehören dazu.

Bei der Auswahl des richtigen Hilfsmittels unterstützen Sie Ingenieure spezieller Fachdienste wie der Technische Beratungsdienst des Integrationsamtes oder der Agentur für Arbeit. Sie analysieren unter anderem die Arbeitsbedingungen sowie die Arbeitsorganisation und machen entsprechende Vorschläge zur behinderungsgerechten Gestaltung. Neben den Technischen Beratungsdiensten existieren auch spezielle Fachdienste für hör- oder sehbehinderte Menschen und der Psychosoziale Dienst, die eine weiterführende Betreuung anbieten.

Welcher Rehabilitationsträger die Kosten übernimmt, hängt i. d. R. von den persönlichen und versicherungsrechtlichen Voraussetzungen des schwerbehinderten Mitarbeiters ab. Unter Umständen sind gar mehrere Träger an einem Fall beteiligt.

Als Arbeitgeber müssen Sie sich darum nicht kümmern. Im Prinzip können Sie jeden Träger ansprechen. Das Sozialgesetzbuch IX legt in § 14 fest, dass bei Beantragung innerhalb von zwei Wochen nach Eingang des Antrages die Zuständigkeit geklärt werden muss. Ist der gewählte Rehabilitationsträger nicht zuständig, muss er den Antrag unverzüglich weiterleiten.

Auch die von den Rehabilitationsträgern beauftragten Integrationsfachdienste bieten umfangreiche Unterstützung an. Sie informieren über Förderleistungen und helfen bei der Beantragung. Während des gesamten Prozesses stehen sie beratend zur Verfügung. Inzwischen gibt es in jedem Arbeitsagentur-Bezirk einen Integrationsfachdienst.

Der Aufwand lohnt, denn mit entsprechender Unterstützung sind behinderte Mitarbeiter wertvolle Fachkräfte, die den betrieblichen Anforderungen voll und ganz gerecht werden können.


Interview mit Herrn Brausch, Leiter des Technischen Beratungsdienstes im LVR-Integrationsamt Köln

talentplus:
Herr Brausch, Sie sind Leiter des Technischen Beratungsdienstes im LVR-Integrationsamt Köln. Können Sie mir sagen, wie der Kontakt zwischen Ihnen und den Arbeitgebern zustande kommt?

Herr Brausch:
Es gibt die verschiedensten Wege einer Kontaktaufnahme: über den Arbeitgeber, durch die betroffene Person und durch die Schwerbehindertenvertreter im Unternehmen oder die Personalvertretung. Häufig erfolgt die Kontaktaufnahme auch durch die örtliche Fürsorgestelle.

talentplus:
Geht der Kontaktaufnahme ein Ereignis voraus, wie beispielsweise ein Kündigungsschutzverfahren? Oder wird der Technische Beratungsdienst bei Einstellung eines behinderten Menschen oder auch eines Auszubildenden in Anspruch genommen?

Herr Brausch:
Sowohl als auch. Wir kommen in sämtlichen Leistungsphasen auf den Arbeitgeber oder den Betroffenen zu. Im Kündigungsschutzverfahren wird der Technische Beratungsdienst auch gelegentlich eingeschaltet, immer dann, wenn versucht wird durch den Arbeitseinsatz einer technischen Arbeitshilfe den Arbeitsplatz zu sichern mit dem Ziel, die Produktivität wieder herzustellen. Bei Einstellungen sind wir beratend tätig. Hier gibt es verschiedene Wege: In erster Linie werden wir von den Kollegen im LVR-Integrationsamt oder den Mitarbeitern der örtlichen Fürsorgestelle beauftragt. Häufig vermittelt der Integrationsfachdienst oder die Fachberater für Integration der Handwerkskammern wenden sich an uns. Dann besuchen wir das Unternehmen und können von vorneherein optimale Arbeitsbedingungen schaffen.

talentplus:
Werden Sie vom Integrationsfachdienst bzw. der Handwerkskammer offiziell beauftragt?

Herr Brausch:
Grundsätzlich arbeiten die Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes sowie die Fachberater für Integration bei den Handwerkskammern im Auftrag des LVR-Integrationsamtes. Insofern erfolgt keine Beauftragung in Richtung Technischer Beratungsdienst. Wir stehen generell in engem Kontakt und tauschen uns regelmäßig aus. Dieses gute Verhältnis zueinander ermöglicht schnelles Handeln.

talentplus:
Ist Ihr Beratungsdienst kostenpflichtig?

Herr Brausch:
Nein, der Dienst ist unentgeltlich. Die Leistungen des Integrationsamtes werden über die Ausgleichsabgabe finanziert.

talentplus:
Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es immer einen Begehungstermin und wenn ja, wer nimmt daran teil?

Herr Brausch:
In den meisten Fällen muss ein Termin vereinbart werden. Optimal ist immer, ich sage das auch, weil es nicht immer der Fall ist, dass alle zusammen vor Ort sind, insbesondere der schwerbehinderte Mensch und der Arbeitgeber. Vom Ablauf her orientieren wir uns an einem Grundsatzmodell der Arbeitswissenschaft: Stichwort Mensch, Maschine, Umwelt. Das heißt, wir prüfen zunächst welche Fähigkeiten der schwerbehinderte Mensch mitbringt. Dann untersuchen wir, welche Anforderungen der Arbeitgeber stellt. Es findet anschließend ein Profilvergleich statt. Eventuelle Lücken versuchen wir durch den Einsatz behinderungskompensierender Technologien zu schließen.

talentplus:
Kommt es vor, dass es nicht nur um technische Hilfsmittel geht, sondern auch um Umgestaltungen von Arbeitsabläufen oder um die Inanspruchnahme Psychologischer Dienste?

Herr Brausch:
Das kommt vor, wie häufig, wenn Menschen zusammen arbeiten oder leben. Es gibt Konflikte, die von uns entzerrt werden können. Zum Beispiel durch Analyse des Produktionsablaufs. Hier können wir häufig Pufferzonen einbauen und dem Arbeitnehmer mehr Zeit verschaffen. Aber häufig spielen auch rein psychologische Probleme eine Rolle. Dann wenden wir uns an Fachleute vom Integrationsfachdienst und beziehen diese mit ein.

talentplus:
Wie geht es dann weiter? Wird der Arbeitsplatz umgestaltet, müssen Hilfsmittel beantragt werden. Wir wissen von REHADAT, dass es eine unglaubliche Fülle von technischen Hilfsmitteln gibt. Wer entscheidet, welche Hilfsmittel beantragt werden? Wer hilft bei der Produktauswahl? Helfen Sie dem Arbeitgeber bei der Beschaffung?

Herr Brausch:
Ja, dies ist ein sehr weiter Markt, für viele auch ein unbekannter Markt. Die Mitarbeiter meiner Abteilung haben das nötige Fachwissen und den Überblick. Sie kennen den Markt, kennen die Produkte mit ihren Vor- und Nachteilen. Wir sind Berater und versuchen sehr personenzentrierte Lösungen zu schaffen. Das spezielle Empfehlen von Produkten geschieht nicht, wir bleiben produktneutral. Dennoch sind wir gerne bei der Beratung behilflich.

talentplus:
Benutzen Sie REHADAT bei der Recherche nach Hilfsmitteln?

Herr Brausch:
Ja, REHADAT ist immer eine Hilfe für uns. Die Mitarbeiter kennen die Datenbanken und greifen gerne darauf zurück. Wir versuchen auch, REHADAT zu unterstützen.

talentplus:
Die Zuständigkeitsklärung bei der Kostenübernahme ist nicht unkompliziert. Muss der Arbeitgeber sich damit beschäftigen oder kann er zu Ihnen kommen und Sie recherchieren, wer die Kosten übernimmt und helfen bei der Antragstellung?

Herr Brausch:
Ja, das LVR-Integrationsamt hilft auch hierbei. Entweder hilft der Technische Beratungsdienst direkt oder die Abteilung „Begleitende Hilfe“. Ich gebe Ihnen völlig Recht. Es ist häufig schwer nachvollziehbar, wer alles an einem Förderfall beteiligt ist und wer zuständig ist. Daher kommt dieser Unterstützung eine besondere Bedeutung zu.

talentplus:
Der Arbeitgeber kann sich also drauf verlassen, dass er das abgenommen bekommt?

Herr Brausch:
Es ist die Erwartungshaltung des Arbeitgebers und der Schwerbehinderten selbst, dass man ihnen den Weg zeigt. Es geht hier nicht selten um Existenzängste.

talentplus:
Eine Frage noch zum Zeitrahmen: Von der Erstberatung bis zur Realisierung, wie lange dauert das?

Herr Brausch:
Wir versuchen immer recht schnell zu sein, sind aber auch abhängig von Anderen, die beteiligt sind. Sie müssen sich vorstellen, je nachdem, je nach Planung werden noch andere Stellen mit eingebunden. Die begleiten den Förderfall und liefern die erforderlichen Angebote. Später wird der Arbeitgeber zum Auftraggeber, wenn es zum Kauf technischer Hilfsmittel kommt, eine ganz normale Rechtsbeziehung eines Kauf- oder Dienstleistungsvertrages. Wir gehen davon aus, dass der Standardfall - sofern man das sagen kann -, wenn er hier im Hause ist, in circa 6 Wochen bearbeitet ist.

talentplus:
Gibt es Fälle, wo der Arbeitgeber die Kosten zurückerstatten muss?

Herr Brausch:
Ja, es gibt Bindungen, die mit der Förderung verbunden sind. Sollte der Arbeitgeber diese nicht erfüllen, sich z. B. vorzeitig von dem schwerbehinderten Menschen trennen und keinen neuen Schwerbehinderten einstellen, kommt es auch dazu, dass die Kosten zurückerstattet werden müssen.

talentplus:
Können Sie sich an einen ungewöhnlichen Fall erinnern?

Herr Brausch:
Ich kann mich an einen Fall erinnern, wo ich selbst auch von dem Fortschritt der Technik sehr überrascht war, als wir das recherchiert haben. Es ging um einen Arbeitnehmer, der Analphabet war, das war aber durch seine Arbeit nicht aufgefallen. Das Arbeitsgebiet hatte sich verändert, er musste Fracht- und Lieferscheine prüfen. Wir konnten es tatsächlich durch den Einsatz von technischen Arbeitshilfen leisten, dass er auch als Analphabet diese Scheine prüfen konnte, und zwar durch ein Gerät, das ihm die Fracht- und Lieferscheine vorgelesen hat. Auf der anderen Seite konnte er die Scheine auch ausfüllen, indem er in ein Mikrofon gesprochen hat, mit Hilfe einer Software wurden die Schriftstücke dann erstellt.

talentplus:
Und das hat der Arbeitgeber akzeptiert?

Herr Brausch:
Das hat der Arbeitgeber akzeptiert. Man muss auch sagen, dass der Mann sehr motiviert war, als absolut zuverlässig galt und über viele Jahre Berufserfahrung verfügte. Die Lösung war für beide Seiten nachhaltig und bereichernd.

talentplus:
Herr Brausch, vielen Dank für das Gespräch.

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Eine Übersicht über Seminare zum Thema Arbeitsplatzgestaltung, finden Sie bei REHADAT.




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